Über Frau Steinbeck, mich und meinen Max

Die Leute meinen immer, es wäre ein Riesending, ein Buch zu schreiben. Ich habe meines letzten Mittwoch in den Müll verfrachtet. Obwohl das Schreiben dieser 336 Seiten spannender, aufregender und leidenschaftlicher war als alles, was ich zuvor geschrieben hatte. Doch nach monatelangem Kleben am Text brauchte ich etwas Distanz.

Kann ich pflaster für mein Handy Frau Steinbeck Maryanto Fischer

Genussvoll zerpflückte ich also die Papierbögen und warf sie weg. Stapel um Stapel, Seite um Seite. Seit Monaten war da immer nur dieser Text. Schon morgens hatte er sich auf dem Küchentisch vor mir aufgebaut. Und manchmal habe ich einfach genervt meine Kaffeetasse auf ihm abgestellt, ihn ausgeblendet, seine Gegenwart ausgeblendet. Weil er allgegenwärtig war.

Abends war er es, der im Schlafzimmer auf mich wartete, als ich lieber Max gesehen hätte. Und trotzdem hat er mich um den Verstand gebracht, um die Nächte. Vor allem um die langen Sommernächte, die ich gelegentlich lieber mit den Jungs an der Alster verbracht hätte. Oder auf dem Kiez. Irgendwo, wo es gerade abgeht, wenn du verstehst. Und so hat mir der Text immer wieder den Schlaf geraubt, wie dieser Traumtyp, besagter Max, mein anderer großer Traum – neben dem, ein Buch zu veröffentlichen.

Über das Schreiben an diesem Buch

Hätte ich gewusst, wie viel er mir wirklich abverlangt, vielleicht hätte ich mich anders entschieden. Gegen den Text und für die tollen Tage da draußen vor dem Schlafzimmerfenster, durch das ich das pralle Leben auf der Straße dieses Jahr so oft heimlich beobachtete. Manchmal während du schliefst, während ich schrieb. Doch irgendwann wurde ich müde. Vom Kampf gegen den Text, mit dem ich inzwischen neun Monate lang zusammen lebte, mit dem ich gelacht und gelitten habe, von dem ich zehrte, der mich verzehrte – jeden Tag aufs Neue.

Aber in dem Moment, in dem ich ihn besiegt hatte, in dem ich begann, ihn zu zerpflücken und genussvoll in die Tonne zu hauen, habe ich Frieden mit ihm geschlossen. Weil das immer so ist am Ende von intensiven Beziehungen. Wenn das große Ringen ein Ende findet, findet man wirklich zueinander. So wie ich zu diesem Buch, das als Auftragsarbeit begann, mir dann zur ausdrücklichen Herzensangelegenheit wurde – und in dem irgendwann viel von mir selbst stand. Viel mehr Persönliches als mir beim Schreiben bewusst war. Nicht nur Geschichten aus meiner eigenen Schulzeit übrigens, auch eigene Gefühle.

Klassisch journalistisch

Die Leute meinen immer, es wäre ein Riesending, ein Buch zu schreiben. Das ist es auch. Aber anders als sie glauben. Eher individuell gefühlt. Gar nicht, weil es fame ist, ein Buch zu schreiben. Vielmehr, weil der Prozess in diesem Fall all das, was wir Journalisten gelernt haben, bis zum Exzess einfordert: die Recherche, das Interviewen und das Schreiben. Dass Redigieren, das Korrigieren und dann wieder das Schreiben auf ein Ziel hin.

Im Grunde war die Arbeit an „Kann ich Pflaster für mein Handy, Frau Steinbeck“ klassisch journalistisches Handwerk, wie es jeden Tag in Tausenden Redaktionen leidenschaftlich betrieben wird. Da ist ein Thema, du suchst dir die passenden Protagonisten und beginnst mit ihnen, ihre Geschichten zu suchen. Teils tief in ihrem Inneren. Geschichten die längst verblasst sind, Geschichten, die sie unter Umständen gar nicht als besonders wahrnehmen, die dich trotzdem mitnehmen – auf eine Reise in ein anderes Leben.

Dabei passiert unter Umständen etwas Magisches: Wenn der eine plötzlich Leidenschaft für seine Geschichten entwickelt, und der andere Leidenschaft für das Schreiben in sich trägt, entstehen diese Texte, die auch andere mitnehmen. Wenn das Echte auf echtes Herzblut trifft, dann transportiert das Ergebnis Gefühle, dann setzen sich Buchstaben zu Bildwelten zusammen. Ich schätze Schreiber, denen genau das gelingt, hoch. Jeder braucht Vorbilder.

Über Vorbilder

Es gibt so viele Schreiber, die ich sehr bewundere. Zum Beispiel meine Kollegin Jutta Degen-Peters, die mir damals als Praktikant beim Hanauer Anzeiger viel beigebracht hat. Ich schätze sie für ihre Fähigkeit, Menschen wie mir in ihren Texten das Live-Erlebnis zu simulieren. Das gesamte Spektrum an Gefühlen und Eindrücken – vermittelt in Worten, durch Sprachrhythmen, durch Geschwindigkeitsänderungen im Flow, durch den einen Begriff, der alles auf den Punkt bringt, durch den Beigeschmack, der zwischen den Zeilen steht. Ich habe versucht, es ihr gleich zu tun. Gleiches gilt für viele andere Kollegen, die ich zum Beispiel beim Heinrich-Bauer-Verlag, während des Studiums oder einfach privat kennen gelernt habe. Ich war glücklich, mich während des Schreibens an diesem Buch mit ihnen austauschen zu können. Immer dann, wenn ich dachte: Du schaffst das nie…

Das Thema war vorgegeben und nach „Fack ju, Göthe“ vielleicht sogar vorhersehbar: Schule. Ich selbst habe im Jahr 2000 Abitur gemacht, nach 13 Jahren pauken ohne Handy-Terror, Cybermobbing oder Hausaufgabenhilfe via Wikipedia. Und wenn ich mir in der Recherchephase die Erzählungen derer anhörte, für die Schule aktueller Alltag ist, kam ich mir manchmal unglaublich alt vor.

Ganz ehrlich: So manche 50-jährige Frau, das war mir schnell klar, ist näher am Puls der Zeit als ich. Weil sie dort wirkt, wo sich Jugendsprache, junge Trends und die in Variationen immer wiederkehrenden Dramen des jugendlichen Seins jeden Tag abspielen: im Schulsekretariat.

Schule von ihrem Epizentrum aus gesehen

Die Idee der S. Fischer Verlage war es, Schule aus einer anderen Perspektive zu erzählen. Nicht aus Sicht der Lehrer, wie wir sie im fabelhaften Buch „Chill mal, Frau Freitag“ erleben, sondern aus Sicht der Sekretärin. Das ist ein kleiner, aber feinsinniger Unterschied. Denn wo Pädagogen wie Frau Freitag zumeist zwei Jahre Zeit haben, um ihre Pappenheimer intensiv kennen zu lernen, gewinnen Sekretärinnen im Regelfall viel flüchtigere Einblicke in das Leben ihrer Schützlinge. Sie sind mehr als das Klischee der guten Seele, manchmal retten sie Seelen.

Wenn der Unterricht eine Station im Leben eines Schülers ist, ist das Sekretariat sozusagen die Notaufnahme. Hier wird ambulant operiert, hier muss schnell gehandelt werden, akut, weniger an einen Ablauf angelehnt, der 45 Minuten unterteilt. Im Sekretariat gehen gelegentlich minütlich die unterschiedlichsten Problemfälle ein – und aus. Genre- und fachübergreifend. Manchmal sind es nur Momentaufnahmen von Menschen, die einer Sekretärin trotzdem monumentales Handeln abverlangen.

Deshalb greift es viel zu kurz, den Beruf der Schulsekretärin auf einen Verwaltungsjob zu reduzieren. Denn sie verwaltet Menschen. Junge Menschen. Mit all den Überraschungen, die ihre Leben aus Sicht von Erwachsenen bereit halten. Der eine hat Läuse, die andere Liebeskummer, sie ist beliebt, er kämpft jeden Tag darum, gesehen zu werden. In Sekretariaten stehen gesegnete Schüler mit Luxusproblemen ebenso plötzlich und unvermittelt an der Theke wie misshandelte Kinder, überforderte Lehrer oder unterbelichtete Eltern. Und wie sagte mir eine Interviewpartnerin: „Hier, vor unserer Theke, sind sie alle gleich!“

Dennoch geht es in „Kann ich Pflaster für mein Handy, Frau Steinbeck“ nicht um Gleichmacherei, nicht eines Berufsstandes, nicht einer Schülergeneration. Im Gegenteil: Ich habe Einzelschicksale gesammelt. Geschichten, die nicht stereotyp sein sollten, und trotzdem so typisch, dass jeder, der das Buch liest, direkt denkt: „Ja, genau so ist Schule!“ – Selbst, wenn er, wie ich, vor Jahren das letzte Zeugnis entgegennahm. Diese Geschichten habe ich zusammengefasst und einen Bogen um sie gespannt – genau das war der Moment, in dem ich und dieses Buch gemeinsam die Kurve kriegten.

Vorschau S. Fischer Verlage, Frühjahr 2015

Vorschau S. Fischer Verlage, Frühjahr 2015

Das bin ich

Es sind die Verbindungslieder zwischen den einzelnen Handlungssträngen, die es mir ermöglichten, dieses Buch, in dem ich mir die Geschichten anderer leihen durfte, zu etwas zu machen, das so typisch „ich“ ist, wie Sneakers und Caps, „Sex and the City“ oder den Tag vollends verliebt mit einem Britney-Spears-Song zu beginnen. Denn ich habe die Geschichten der Sekretärinnen, der Schüler, Lehrer und Rektoren auf Menschen übertragen, die ich kenne, mit denen ich täglich kommuniziere. Meine Freunde. So bekamen diese Geschichten Gesichter und wurden für mich greifbar. Den Rest erledigte meine Fantasie.

Manchmal, wenn ich Freunde bat, sich Passagen anzuhören, um herauszufinden, ob sie funktionieren, passierte es, dass jemand lachte und sagte: „Das klingt original nach einer Unterhaltung zwischen uns. Das bist du, der da spricht.“ So habe ich vor allem über die Sprache mein Stück Authentizität in einem Auftragswerk gefunden, es mir zu Eigen gemacht. Es war unglaublich bereichernd, diese Erlebnisse von Sekretärinnen aus ganz Deutschland aufzusammeln, aufzubereiten und aufzuschreiben – auch als Form der Wertschätzung für diesen Beruf, die sich bei mir schnell einstellte.

Und dann kam Max. Und mit ihm die Liebesgeschichte, die Neu-Sekretärin Désirée Steinbeck, geschieden, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, durchlebt, wie ich sie jeden Tag durchlebe. Mit eben diesem Max. Dem tollsten Mann der Welt – und wahrscheinlich dem schwierigsten. Ab diesem Zeitpunkt war ich wirklich in diesem Buch, wie Bastian damals in der unendlichen Geschichte – übrigens eine meiner Lieblingsgeschichten.

Die Leute meinen immer, es wäre ein Riesending, ein Buch zu schreiben. Das ist es auch … Denke ich immer, wenn ich Bücher von Michael Ende, von Thomas Mann oder Umberto Eco in der Hand halte. Menschen, die ich bewundere. Wie auch Astrid Lindgren, Shakespeare und Antoine de Saint-Exupéry – Schreiber, die ich genauso in diesem Buch gefeiert habe wie Britney Spears, Rihanna und Beyoncé, den Deutschrap oder das Musical „Evita“. Meine Kreativität ist doch immer auch eine Hommage.

Literatur?

Im Vergleich zu diesen Autoren und leuchtenden Vorbilder scheue ich mich, „Kann ich Pflaster für mein Handy, Frau Steinbeck“ als Literatur zu bezeichnen. Es ist eigentlich nur das, was ich gelernt habe – als Journalist oder auf meinem Blog BradSticks: die Alltagsbetrachtung. Mal witzig, mal nachdenklich, mal heftig. Mit dem Anspruch, authentisch zu sein – und sexy. Denn davon lebt der gute Text. Der Leser merkt und schätzt das. Zumindest der Leser, der keine Fake-Fendi in seinen Händen will, sondern etwas Echtes. Etwas das lebt, vielleicht. Zum Beispiel da draußen an Tausenden Schulen in diesem Land. Wir sind hier einfach beim populären Sachbuch. „Frau Steinbeck“, das sind Lach- und Sachgeschichten im besten Sinn.

Ich habe Frau Steinbeck lieben gelernt wie Désirée die Schule lieben lernen muss, um dort unbeschadet zu überleben – zwischen alltäglichen Absurditäten, Fragmenten von Familienbildern und emotionalen Legasthenikern. Seit ich das Manuskript in die Tonne entlassen habe, freue ich mich umso mehr auf den Moment, in dem es wieder auftauchen wird. Gedruckt. Denn obwohl ich aus Überzeugung bald ganz auf die Seite der Onliner in den Verlagen wechseln werde, bleibt meine private, große Leidenschaft doch das gedruckte Wort. Und darauf mein Wort: Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehen! So wie die Liebe zu diesem Max. Deshalb wird ihm dieses Buch gewidmet sein. Denn auch das ist typisch ich.

Freude auf das, was noch kommt

So ist „Kann ich Pflaster für mein Handy, Frau Steinbeck” genug „ ich”, um es bald aus vollstem Herzen bei Lesungen präsentieren zu dürfen. Und darauf freue ich mich. Vor allem für all die tollen Sekretärinnen und ihre geilen Geschichten. Und wer weiß, vielleicht klappt es ja wirklich mit dem Max – bei Désirée oder bei mir :)

Im nächsten Leben werde ich sicherlich Schulsekretärin! Mit allem, was dazu gehört: Coolpack-Wahn, verstopften Toiletten und den vielen netten Anekdoten, über die ich jetzt wieder schmunzeln kann.

„Kann ich Pflaster für mein Handy, Frau Steinbeck” HIER vorbestellen!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>